Design-Selfies – werden Designer unterschätzt?

Sind «Design-Selfies» gleich gut oder besser als geschulte Designer?


Als ich unlängst für meinen bevorstehenden Geburtstag meine eigene Geburtstags-Webseite anfing zu kreieren, erlebte ich Höhenflüge!
Da ich keine Kosten ausgeben wollte für diese Webseite (auf Zeit) oder die Domain, entschied ich mich für ein kostenloses Webseiten-Angebot, welches ich als das derzeit best entwickelte erachte.

Meine Webseite enthielt 5 Menüpunkte, 3 Hintergrundbilder, Google-maps (Earth), Links zum SBB-Fahrplan, Verlinkung (Anker) innerhalb der Webseite, ein Kontaktformular, eine Wettervorhersage und natürlich Text. Alles responsive, verknüpfbar mit allen Social Medias, sogar ein Chat, mit unzähligen kostenlosen Bildern und auch der Möglichkeit, meine eigenen Bilder einbauen zu können. Genial!
Einen ganzen Sonntag lang war ich während mehr als acht Stunden mit der Erstellung kreativ beschäftigt.
Am meisten Schwierigkeiten hatte ich, als ich die Seite auf dem Smartphone betrachtete und meine Einstellungen aus der Sicht des Desktops nicht richtig, also responsive angepasst wurden. Obwohl der Anbieter mir versprochen hat, dass er auch dies professionell gelöst habe. Am Ende schieb ich meine Texte und Bilder herum und fand keine passende Lösung. Eine erste Enttäuschung machte sich breit. Ich «löste» dies, in dem ich eine neue Seite dazu kreierte, doch eigentlich entsprach die nicht meiner Vorstellung.

Geradezu kreative Höhenflüge erlebte ich und war stolz darauf, auch eine tolle, selbsterstellte Website für meinen Geburtstag anbieten zu können. Mit meinem eigenen Design, meiner eigenen Kreativität und viel Enthusiasmus. Welch Erlebnis! Es ist so viel spannender, seine eigene Webseite präsentieren zu können!

Jeder kann doch ein guter Designer sein oder werden!
Schliesslich schauen wir uns alle gutes Design an und wollen selbst entscheiden, was uns gefällt und was nicht! Und denken oftmals: «Das hätte ich auch hingekriegt – vielleicht sogar noch besser!» Denk’ste! Weit gefehlt!
Als ich in Hochform meine Seiten erstellte, war ich geradezu verblüfft, welche Animationen möglich sind, wie viele Schriftarten eingesetzt werden können, dass ich animierten Text einbringen kann (mit Zeiteinstellung der Intervalle und derart viel Auswahl zur Verfügung habe), all die Farben, die ich benutzen und auch noch individuell einstellen kann. Und natürlich war ich froh darum, das ich bekannte Useability anwenden konnte, die ich aus Word kenne. Ich war positiv überrascht über die vielen Wirkungen, Möglichkeiten, die ich hier gar nicht alle nennen kann. So sehr, dass ich mich reduzieren musste. Aber worauf reduzieren?

Am Ende stand meine Webseite und ich war stolz auf mein «Können». Aber ganz ehrlich, sie sah gerade aufgrund der «Blinke-Blinke»-Effekte, Animationen, Farben und Bilder überhaupt nicht professionell aus! Sie war unruhig, es gab ein Durcheinander, zu viele Seiten und viel mehr Unübersichtliches. Ich musste es selbst zugeben. Ich kenne Besseres!

Als dann meine Partnerin mit ihrem geschulten Designer-Auge vorbei hüpfte und – ihr war die Spannung und Neugierde klar anzusehen – mit ein paar Klicks durch meine Seite fegte und lachte, war dies enttäuschend. Ganz ehrlich, sie hat ja Recht, denn mir selbst gefiel die Seite auch nicht. Ein Durcheinander von «Erscheinungen». Unruhig, kein roter Faden ersichtlich, nicht geführt, zu viele emotionale Bilder (vielleicht weil ich dabei ans rauschende Fest dachte?). Ein Auftritt im Netz, den ich selbst nicht nach aussen hin vertreten wollte!

Sie denken vielleicht wie ich, Sie könnten es besser?
Versuchen Sie einmal anhand Ihrer eigenen Festeinladung eine Webseite zu erstellen. Abgesehen davon, dass man sehr viel Zeit investiert, um zuerst einmal die Funktionalitäten kennen zu lernen und daraus jene zu wählen, die wirklich passen, benötigen Sie viel Geduld, denn ein geglücktes Ende ist lange nicht in Sicht, selbst dann nicht, wenn es so gut wie keine technischen Hürden zu meistern gibt. Wenn Sie am nächsten Tag mit etwas Abstand Ihre Seiten betrachten, können Sie dann wirklich auch durch die Brille Ihrer Gäste wahrnehmen und entspricht das Produkt auch anderen Betrachtern?

Meine Lösung: Wir nahmen das in etwas kürzerer Zeit vom Profi – meiner Partnerin – gestaltete PDF mit gleichem Inhalt aber anderer Form und stellten es auf die Seite mit Zugang nur für jene, die ich einladen wollte. Klar im Inhalt, emotional geführt, tolle Darstellungen, passende Bilder und viel mehr und mit einem Konzept dahinter! Und während der gleichen Zeit gebar sie noch eine Idee, die sie gleich auch noch umsetzte: Ein postalisch versendbares, originelles und zum Thema passendes Tischset als Einladung, die vom Gast mitgebracht und benutzt werden kann. Überraschung!

Warum ist das geschulte Designer-Auge so wichtig? Selfies im Design?
Designer verfügen über handwerkliches Fachwissen in der Gestaltung und über eine geschulte Wahrnehmung, weil sie sich über Jahre damit auseinander setzen. Es reicht nicht aus, seine eigenen Wünsche und Vorstellungen in seiner bevorzugten Design-Art umzusetzen. Ausserdem passieren dann mehr «Copies-and-Pastes» und keine neuen Ideen oder echte Identitäten. Man muss wissen, welche Bildaussagen, Interpretationen und Komponenten auch von anderen wahrgenommen werden und auch, wie diese vom Betrachter «entschlüsselt» und interepretiert werden.

Designer wissen, weshalb etwas wie wirkt. Sie können Interpretationen steuern. Sie kennen die Unterschiede in der Anwendung von Typografien, Bildaussagen, kennen die Verpackung der zu transportierenden Inhalte, damit die Umsetzung stimmt. Selbst dann können Designer professionelle Designs kreieren, wenn sie durch eine «andere» Brille der Wahrnehmung schauen müssen als ihre bevorzugte eigene. Sie kennen die Bedürfnisse des Betrachters, die Aussagen der Designes. Sie kennen die «Form des Inhaltes». Sie kennen die visuellen Kommunikationsaspekte und wesentlich entscheidend viel mehr! Worüber Designer bestens Bescheid wissen, wird ein neuer Blog werden müssen, denn darüber gibt es extrem viel zu berichten.

Über Geschmack lässt sich streiten? Ja und nein
Ich jedenfalls wollte auf der sicheren Seite meiner Geburtstagseinladungs-Seite stehen und verlasse mich gerne auf das geschulte Designer-Auge. Dann weiss ich, dass mein Auftritt gelungen ist; auch für jene, die eine «andere Brille» der Wahrnehmung als meine haben.
Interessant war mein Ausflug in die Welt der «Selbst-Designer» und kostenlosen Webseiten-Erstellungsprogramme allemal. Ich habe viel gelernt dabei.

Am Montag löschte ich meine Webseite wieder.

Selfies auch im Design? Nicht unbedingt zu empfehlen ohne Design-Fachwissen. Und das will gelernt sein. Oder kennen Sie sich aus in der unterbewussten Wahrnehmung?

Wir bieten Übrigens zum Thema Selfie und Selbst-Branding: www.brandyourcv.ch

«Schuster bleib bei deinen Leisten.» Nicht jeder kann designen.

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